Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere niederdeutsche Sprache und Literatur

Station 7: Landeshaus

Düsternbrook 1853

Nun geht es in zweierlei Sinn zurück, nämlich in einen früheren Lebensabschnitt Groths und — den Schwanenweg entlang — wieder zurück in Richtung Wasser, sogar ganz an die Küste. Denn das nächste Ziel ist der Platz der ehemaligen "Badeanstalt" Düsternbrook. Wenn über den Düsternbrooker Weg hinweg und durch Grünanlagen hindurch die Wasserkante erreicht ist, dann geht es nach links die "Kiellinie" entlang. Hier ist heute das Ufer befestigt. Damals, 1853, und noch ein gutes Jahrzehnt danach war hier Strand. Aber in einem Abschnitt, vor der Stelle, auf der jetzt das Landeshaus steht, gab es Anlagen mit Promenadenwegen und direkt am Platz des Landeshauses die Badeanstalt, die aber keineswegs so aussah wie die heutige Badeanstalt Düsternbrook.

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Die Badeanstalt Düsternbrook, um 1825

An diesem Platz stand vielmehr ein repräsentativer klassizistischer Bau von Axel Bundsen, der auch dem Herrenhaus Knoop sein heutiges Gesicht gegeben hat. Eine Art Kurhaus mit Badebetrieb war es, in dem auch viele gesellschaftliche Ereignisse stattfanden. Zum Badebetrieb gehörten — in Nebengebäuden — Kaltbäder und Warmbäder, aber auch Bäder vor dem Strand in der Förde mit Hilfe von "Badekarren". Diese wurden dann mit vorgespanntem Kaltblutpferd und der zum Bad bereiten Person darin von "Badeheinrich" ins Wasser gefahren, wo die badewillige Person sich dann im Schutz einer heruntergelassenen Markise etwas in das Fördewasser eintunken konnte. Im Winter brauchten die Karren ihrerseits Schutz vor dem Wetter. Dazu gab es eine Art Halle, in der zum Wasser hin "ein paar Stübchen" eingerichtet waren. Und damit sind wir endlich wieder bei Klaus Groth, denn hier hat er sein erstes Unterkommen im Kieler Raum gefunden. Er kam nach dem Erscheinen der ersten Auflage seines "Quickborn", die sofort ein Echo gefunden hatte, das für das Erstlingswerk eines bis dahin unbekannten Mannes ganz erstaunlich war, in die Universitätsstadt Kiel, und zwar hauptsächlich auf Anregung von Professor Müllenhoff. Groth konnte allerdings nicht so schnell dessen Angebot einer Zusammenarbeit folgen. Er hatte sein Buch in den letzten gut zwei Jahren seiner stark angegriffenen Gesundheit abgerungen, und als das im November 1852 geschafft war, war er erschöpft zusammengebrochen und ans Bett gefesselt. Erst im April 1853 wagte er es, sich (begleitet von seinem Bruder Johann) auf den Weg nach Kiel zu machen — zu Fuß, weil er das Rumpeln eines Wagens nicht aushalten konnte und sich die Hoffnung, ein Dampfschiff erreichen zu können, zerschlug. Aber schon in Lütjenburg ging es nicht mehr weiter. Da musste er wieder, teils bettlägerig, versorgt werden. Erst in der zweiten Augusthälfte konnte er von Prof. Müllenhoff und Dr. Valentiner, dem damaligen Eigentümer der Badeanstalt, abgeholt werden. Dann also zog Groth hier — zunächst noch mit seinem Bruder Johann, der ihn weiterhin begleitet und gepflegt hatte — in den erwähnten "Schuppen" ein. Groth selbst beschreibt seine neue Umgebung in seinen Memoiren so:

Eine Holztreppe führte, fast unmittelbar vom Rasen aus, hinauf. Der große leere Raum zur Seite, vortrefflich im Regenwetter geeignet zum Wandern, diente im Winter zur Aufnahme der Badekarren. Mitunter versammelten sich hier die Ellerbeker Fischer bei solchem Wetter, um unter Dach und Fach ihre Mahlzeit zu verzehren und ihre Geschichten zu erzählen. Ihre Boote lagen angepfählt eben hin vor Augen, das Ufer kaum zwanzig Schritte entfernt. Sie wurden natürlich bald alle meine Freunde und sind es geblieben. Welche Ruhe sonst, welche himmlische Stille! Aus meinen Fenstern sah man an den Kieler Hafen hinaus, links den Düsternbrook (Wald) ganz nahe, wie eine grüne Wölbung ansteigend, rechts Ellerbek das Fischerdorf, und die Mündung der Swentine [...].

Doris Groth, geb. Finke

Inzwischen war trotz aller gesundheitlichen Probleme Groths, noch als er in Lütjenburg festsaß, die etwas erweiterte zweite Auflage des "Quickborn" erschienen, und Ansätze zur dritten, "sehr vermehrten" waren auch schon in Angriff genommen. Grundsätzlich aber betonten die neuen Freunde, er solle sich schonen. "Auch das Nichtstun kann man lernen", hatte Müllenhoff an Groth bereits nach Lütjenburg geschrieben. Zur Erholung Groths hat aber ein ihm bis dahin unbekannter Gast der Badeanstalt das meiste beigetragen, ein privatisierender ehemaliger Weinhändler, Louis Koester. Er, der sich selbst leidend fühlte, ging so verständnisvoll, mitfühlend und ermunternd mit Groth um, dass dieser ihn bald seinen "Ohm" nannte. Er und seine Frau kamen Sommer für Sommer von Hamburg nach Düsternbrook, und sie waren der Grund, weshalb Groth auch mehrere Jahre den Sommer hier verbrachte. Für Groth entscheidend wichtig war das im Jahre 1858. Da wurde er (mit anderen zusammen) gebeten, eine Tochter eines alten Bremer Freundes von "Ohm" Koester vom Bahnhof abzuholen, der damals etwa da lag, wo sich jetzt das sogenannte neue Rathaus befindet. Der Freund, Albert Dietrich Finke, war — wie früher auch Louis Koester — Weinhändler. Die zu jener Zeit achtundzwanzigjährige Tochter war erholungsbedürftig. Sie hatte kürzlich eine Verwandte bis zum Tode gepflegt und zwei Jahre vorher schon die eigene Mutter. Klaus Groth berichtet in seinen "Lebenserinnerungen" über sie und die nun anschließende Zeit folgendermaßen:

Eine sehr graziöse, stattliche Erscheinung, doch nicht auffallend; nur ihr schönes Haar fiel mir in die Augen. Sie sprach sehr klug. Wir fuhren im Boot [vermutlich wurde es gerudert von einer Ellerbeker Fischersfrau, die sich einem damaligem Brauch entsprechend nach der Rückkehr ihres Mannes vom Fischfang etwas zu verdiente] nach Düsternbrook. Dort lebten wir sieben Wochen unter einem Dach und waren den ganzen Tag zusammen. Eine hochgebildete Dame, sie sprach vollkommen französisch und englisch, auch etwas spanisch. Sie war oft in Frankreich gewesen. Ein herrliches Mädchen, einfach in ihrem ganzen Wesen, obgleich aus wohlhabender Familie. Ich habe noch einen ganzen Band hochdeutscher Gedichte an sie im Manuskript liegen; immer zögerte ich mit ihrer Veröffentlichung, aber in der Gesamt-Ausgabe meiner Schriften sollen sie nicht fehlen. Im folgenden Jahre heirateten wir. Zunächst wohnten wir ein paar Jahre zur Miete, dann entwarf meine Frau, dreist und geschickt, den Riss zu meinem jetzigen Hause, das wir 1866 bezogen. Als wir 1870 nach Verlusten meines Schwiegervaters so ziemlich auf Sand gesetzt waren, hielten wir uns aufrecht, denn wir waren immer sparsam und vorsichtig gewesen.

Am Ende des Spazierwegs

Damit ist der Anschluss an den vorigen Standpunkt des Spazierganges gegeben, bei dem ja bereits der Bogen bis zu Groths Lebensende gezogen worden ist. Die Gesamtausgabe seiner Werke, von der Groth in seinen Lebenserinnerungen geschrieben hat, konnte 1893 bei Lipsius & Tischer in der Falckstraße (zwischen dem Groth-Brunnen und dem Alten Markt) erscheinen. Sie hat immerhin bis 1924 elf Auflagen erlebt. Sie enthalten auch die Abteilung "An meine Frau" mit den erwähnten hochdeutschen Gedichten, die allerdings zum wesentlichen Teil schon vor der Ehe als Beigaben zu den "Brautbriefen" Groths entstanden sind. Das erste Gedicht dieser Abteilung schildert die Umgebung:

Am Ufer rauscht es leise, ⁄ Geruhig liegt der Strand, ⁄ Die Wellen ziehen Kreise ⁄ Im weißen Meeressand. ⁄⁄ Hinter grünenden Hügeln ⁄ Sank die Sonne gemach, ⁄ Nun folgt auf leisen Flügeln ⁄ Der milde Abend nach. ⁄⁄ Stimmen aus weiter Ferne ⁄ Klingen über die See, — ⁄ Und die ewigen Sterne ⁄ Wandeln durch die Höh!

Da spiegelt sich das gemeinsame Naturerleben in seinen verschiedenen ortstypischen Erscheinungen. Auch das letzte der Gedichte aus der Abteilung "An meine Frau" lebt von der Naturbetrachtung, aber es ist nicht ohne Grund melancholischer:

Zugvögel im Herbst. ⁄⁄ Es ruft und flüstert nah und ferne — ⁄ Was wandert durch die stumme Nacht? ⁄ Hoch oben ziehn die stillen Sterne, ⁄ Und falbe Blätter fallen sacht, ⁄⁄ Sie sind es nicht! Es geht in Zügen — ⁄⁄ Unsichtbar zieht ein luftig Heer ⁄ Hoch überweg in Wanderflügen: ⁄ Die Sänger ziehn ans Mittelmeer. ⁄⁄ Was fragen sie nach Schmerz und Sehnen ⁄ In der bedrückten Menschenbrust, ⁄ das sie gelöst in Wehmutstränen, ⁄ In Sang und Klang und Frühlingslust? ⁄⁄ Sie eilen heiter nach dem Süden, ⁄ die leichtbeschwingte luft′ge Schar. — ⁄ Ach ließen sie uns Wintermüden ⁄ Die Hoffnung auf das nächste Jahr.

Wir könnten von hier aus noch weiterwandern, etwa durch das Düsternbrooker Gehölz, könnten Groth-Stätten bei Bellevue und am Platz der ehemaligen Villa Forsteck finden oder gar in Holtenau oder auf dem Gut Seekamp, aber diese werden wohl besser in weitere Spaziergänge eingebunden.

Text: Prof. Dr. Ulf Bichel.

Bildnachweis: Abb. 1: Foto Ulf Bichel. Abb. 2: mein-seebad.de. Abb. 3: Ivo Braak und Richard Mehlem, Klaus Groth. Sein Leben in Bild und Wort (Sämtliche Werke, Bd. 8), Flensburg 1965, S. 165.