Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere niederdeutsche Sprache und Literatur

Station 2: "Mutter Brandis"

Kiel 1853/54

Der Weg führt am Kleinen Kiel entlang Richtung Jensendamm. Das Stück bis zu dieser Straße hin gehörte zu Groths Zeit noch zum Kleinen Kiel, war aber arg versumpft und eher faulig, so dass der Bürgermeister (später — als Ehrentitel — Oberbürgermeister), Heinrich Johannes Georg Mölling, der später übrigens Übernachbar von Groth am Schwanenweg war, für die Zuschüttung dieses Teils gesorgt hat. Das Stück hat dann auch den Namen "Möllingsruh" bekommen. (Aber so ganz fest ist der Boden dann doch noch nicht geworden, Kinder nannten ihn "Gummiwiese", für Festigkeit haben erst Trümmer des 2. Weltkriegs gesorgt.) Der Jensendamm, früher ein Teil des Martensdamms, an dessen rechtem Rand es zur nächsten Groth-Stätte weitergeht, lässt schon durch seinen Namen erkennen, dass er eine künstlich geschaffene Befestigung des Ufers vom Kleinen Kiel darstellt. Hier gab es vorher keine Straße, keinen Pfad. Die Grundstücke der Häuser reichten bis an das natürliche Ufer des Kleinen Kiels heran, vielfach als Garten gestaltet, was für Groth durchaus von Bedeutung war. Eine Brücke über den Kleinen Kiel gab es im Winter 1853⁄54, in dem Klaus Groth in die Pension der "Mutter Brandis" in der Faulstraße zog, auch noch nicht, nicht einmal eine Fähre, die kam erst 1855; eine hölzerne Fußgängerbrücke wurde erst 1887 errichtet. Aber die Stadt begann schon, sich auf der andern Seite des Kleinen Kiel auszubreiten.

Professor Müllenhoff

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Karl Müllenhoff (1818—1884), um 1868

Dort war das Ufer schon befestigt auf Veranlassung des Senators Lorentzen, dem man den Spitznamen "Senator Koppsteen" gegeben hatte. Darauf zu führte neuerdings vom Exerzierplatz aus die Dammstraße. Hier wohnte — nahe dem Lorentzendamm — Professor Müllenhoff, der Groth nach Kiel geholt hatte und bestrebt war, dessen Werk zu fördern, indem er mit ihm an der Orthographie arbeitete und thematische Anregungen gab. Dazu kam er damals jeden Tag pünktlich um 5 Uhr nachmittags zu Groth in die Faulstraße. Dabei begab sich einmal Folgendes: Müllenhoff meinte, in das Buch müsse noch ein Beispielgedicht hinein von der Art etwa, dass ein Mann vom Miauen seines Katers genervt wird, diesen umbringt und infolgedessen noch schlimmer durch Mäuse leidet. Groth überlegte schon während der Erzählung, wie man das machen könnte, und als Müllenhoff ging, schrieb er auf einen Zettel:

Professor Müllenhoff sin Bispill ⁄⁄ De Mann, de wull liggn, ⁄ De Kater wull singn. ⁄ Do neem he den Kater ⁄ Un smeet em int Water: ⁄ Ik will di doch wisen, ⁄ Wull Herr in min Hüsen! ⁄ Do legg he sik dal ⁄ Un sleep as en Pahl. ⁄ Do keemn se ganz lisen ⁄ in Schün un in Hüsen ⁄ Un pipen so lise ⁄ un gnappern de Müse, ⁄ Un gnippen un gnappen ⁄ Un slicken un slappen ⁄ Op Bör un in Schappen ⁄ Vun Schüttel un Teller, ⁄ To Bæn un in Keller. ⁄ Se eten sin Speck, ⁄ Toreten sin Säck, / Se eten sin Metten / un keemn in sin Betten: / Dar beten de Æs / Den Mann inne Næs.

Zum Anhören des Zitates bitte Hier klicken. (gelesen von Ulf Bichel)

Dann übergab er den Zettel einem Jungen, der ihn — wie Groth schreibt: auf einem kürzeren Weg über Wasser — zur Dammstraße brachte und ihn vor dessen Haustür dem nichts ahnenden Müllenhoff übergab, der auf dem langen Weg um den Kleinen Kiel herum seine Wohnung erreichte. Am nächsten Tag sagte Müllenhoff gleich bei seiner Ankunft bei Groth: "Ich muss schon sagen, Sie verstehen Ihr Handwerk." Groths Entgegnung: "Das muss man euch Gelehrten gelegentlich einmal zeigen."

 

Matten Has′

Nach dem Überqueren der Brücke ist ein Wechsel zur anderen Seite der Straße angezeigt, die noch heute "Martensdamm" heißt, entlang an der HSH-Nordbank, auch noch an einem Durchgang zur Faulstraße vorbei und ein Haus weiter, das unauffällig an ein erstes Backsteingebäude anschließt. Von dort hat man zwar einen guten Blick auf das Rathaus, das damals noch lange nicht stand, aber sonst ist da heute nicht recht etwas zu sehen. Doch hier etwa endete zu jener Zeit der Garten von "Mutter Brandis", und darin wanderte Groth oft hin und her, als er an der "dritten, sehr vermehrten Auflage" seines "Quickborn" arbeitete. Und davon gibt es wieder eine besondere Geschichte. Groth erzählt, wie ihm bei einem dieser Gänge der "Matten Has′" in den Sinn kam, Verlauf, Anfang, Rhythmus, Kehrreim, alles im Kopf. Da hörte er die Klingel an der Haustür. Er dachte erschreckt: "Wer ist das? Der macht dir das Gedicht kaputt, das jetzt gut werden würde." Tatsächlich sah er seinen Freund, den Universitätszeichenlehrer Rehbenitz aus der Gartentür kommen, sah ihn suchend umhergehen. Groth versteckte sich in Angst und hockte sich in den äußersten Winkel des Gartens — der muss etwa hier gewesen sein — und er schrieb in sein Notizbuch, "als ob es das Leben gelte":


Illustration zu Groths Gedicht "Matten Has′"
von Otto Speckter, 1856

Lütt Matten de Has′ ⁄ De mak sik en Spaß, ⁄ He weer bi′t Studeern, ⁄ Dat Danzen to lehrn ⁄ Un danz ganz alleen ⁄ Op de achtersten Been. ⁄⁄ Keem Reinke de Voss ⁄ Un dach: Da′s en Kost! ⁄ Un seggt: Lüttje Matten, ⁄ So flink op de Padden? ⁄ Un danzst hier alleen ⁄ oppe achtersten Been? ⁄⁄ Kumm, lat uns tosam! ⁄ Ik kann as de Dam! ⁄ De Krei de spelt Fitel, ⁄ Denn geit dat canditel, ⁄ Denn geit dat mal schön ⁄ Op de achtersten Been! ⁄ Lütt Matten gev Pot. ⁄ De Voss beet em dot ⁄ un sett sik in Schatten, ⁄ Verspis′ de lütt Matten: ⁄ De Krei, de kreeg een ⁄ Vun de achtersten Been.


Zum Anhören des Zitates bitte Hier klicken. (gelesen von Ulf Bichel)

Als Rehbenitz ihn entdeckte, steckte Groth "von Angst befreit" seinen Bleistift ein. So also ist Groths wohl berühmtestes Gedicht entstanden. — So "im Garten", das hört sich trotz der Angst noch fast idyllisch an. Aber es war, wie aus Groths Briefen herauszulesen ist, im Februar 1854 in einem sehr harten Winter, der Kleine Kiel sicher zugefroren. Dichten ist Arbeit, hat Groth einmal gesagt.


Nun geht es über den vorher "links liegen gelassenen" Durchgang zur anderen Seite des Hauses der "Mutter Brandis", wo eine Bronzetafel auf das Haus und auch auf den "Matten Has′" hinweist.

Text: Prof. Dr. Ulf Bichel.

Bildnachweis: Abb. 1: Jens Ahlers, Oliver Auge und Katja Hillebrand (Hrsg.), Glauben, Wissen, Leben. Klöster in Schleswig-Holstein. Ausstellungsbegleitband, Kiel 2011, S. 258. Abb. 2: Ivo Braak und Richard Mehlem, Klaus Groth. Sein Leben in Bild und Wort (Sämtliche Werke, Bd. 8), Flensburg 1965, S. 95. Abb. 3: Foto Ulf Bichel. Abb. 4: Klaus Groth, Quickborn, 25. (Jubel-)Auflage, Kiel/Leipzig 1900, S. 125. Abb. 5: Foto Ulf Bichel.