Didaktik der deutschen Sprache

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Dissertationsprojekt: Europa-Konzepte von Schülerinnen und Schülern. Empirische Ermittlung lexikalisch-semantisch gebundenen Wissens und Grundlegung sprachdidaktischer Ansätze im Bereich des politisch-ideologischen Wortschatzes.

 

Das Erkenntnisinteresse meiner Dissertation liegt in der Ermittlung von mental repräsentierten und sprachlich gebundenen Europa-Konzepten von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei nicht dem in der Forschung hinreichend untersuchten deklarativen und schulsprachlich erzeugten Wissen über die EU, sondern vielmehr dem assoziativ-semantischen Wissen der Lernenden, das beim lexikalischen Impuls {euro[pa/ä]} als Teil eines Begriffs im mentalen Lexikon aktiviert wird. Ich möchte ermitteln, welches – insbesondere affektive – Bedeutungswissen Lernende mit dem lexikalischen Impuls verbinden und mit welchen Dispositionen und ggf. Präkonzepten der Schülerinnen und Schüler zu rechnen ist, wenn es im schulischen Kontext, in Bildungsmedien oder in alltäglichen Lehr-Lernsituationen um Europa geht. 

Dem Medium Sprache kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu: Es ist bekannt, dass Sprache als Konstruktionsmedium von Wissen dient und die Untersuchung und Darstellung desselben einer semiotischen Orientierung bedarf.[1] Um das sprachlich gebundene Wissen zu erheben, dient die in der kognitiven Psychologie etablierte Annahme, das menschliche Gedächtnis sei netzwerkartig strukturiert, [2] als Grundlage für den Einsatz von Concept Maps als Erhebungsinstrument. Bei dieser Methode werden die Schülerinnen und Schüler gebeten, Begriffe, die ihnen zum Impuls {euro[pa/ä]} (z.B. in Form des Lexems Europa) einfallen, lexikalisch zu kodieren und mit bedeutungstragenden, gerichteten Relationen zu verbinden.[3] Im Rahmen von Pilotierungen konnten bereits Hinweise darauf ermittelt werden, wie die Instruktion, der Impuls und das Erhebungsformat beschaffen sein sollten, um affektiv-semantische Wissenskomponenten in den Concept Maps zu elizitieren.

Die mit Hilfe des digitalen Tools CoMapEd [4] entstehenden Netzstrukturen (s. Abbildung) können als Repräsentationen mentaler Modelle betrachtet werden, die es mit Hilfe eines mehrschrittigen Auswertungsverfahrens sprachgeleitet zu rekonstruieren gilt.[5] Aufgrund der Merkmalsähnlichkeiten von Frames und Concept Maps kommt der Frame-Semantik hier eine wichtige Rolle zu.[6] Leitfadengestützte Interviews mit Schülerinnen und Schülern, deren Concept Maps prototypische Strukturen aufweisen, sollen darüber hinaus nähere Auskunft über unklare oder besonders interessante Elemente der Maps geben. Mit der abschließenden Erstellung einer Concept Landscape ist es außerdem möglich, kollektive Wissensstrukturen sichtbar zu machen, die es erlauben, Rückschlüsse auf etwaige dominante Europa-Narrative, bestehende Stereotype oder diskursive Verfestigungen zu ziehen.[7]

 

Abbildung: Beispiel einer digital erstellten Concept Map zum Thema Europa mit Hilfe von CoMapEd

 

[1] Vgl. Konerding, Klaus-Peter (1993): Frames und lexikalisches Bedeutungswissen. Untersuchungen zur linguistischen Grundlegung einer Frametheorie und zu ihrer Anwendung in der Lexikographie. Berlin, 129.

[2] Vgl. Anderson, John Robert (2013). Kognitive Psychologie. 6. Auflage. Deutsche Ausgabe hrsg. von J. Funke. Berlin, 124ff.

[3] Vgl. Hahn-Laudenberg, Katrin (2016): Konzepte von Demokratie bei Schülerinnen und Schülern. Erfassung von Veränderungen politischen Wissens mit Concept Maps. Wiesbaden, 89ff.

[4] Vgl. Mühling, Andreas (2014): Investigating Knowledge Structures in Computer Science Education. München.

[5] Vgl. Ziem, Alexander/Fritsche, Björn (2018): Von der Sprache zur (Konstruktion von) Wirklichkeit. Die konstruktivistische Perspektive der Kognitiven Linguistik. In: Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hrsg.): Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin/Boston, 243-276, hier: 255.

[6] Vgl. Ziem, Alexander (2008): Frames und sprachliches Bedeutungswissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz. Berlin/Boston, 283ff.

[7] Vgl. Mühling, Andreas (2014): Investigating Knowledge Structures in Computer Science Education. München, 83ff.