Didaktik der deutschen Sprache

Arealität und Sozialität der Sprache in synchronischer dialogischer Kommunikation mit Hilfe neuer Kommunikationsmedien: Geschriebene Umgangssprache und Schreibkompetenz

(Projekt im Rahmen des Forschungszentrums „Arealität und Sozialität in der Sprache“, vgl. Forschungszentrum „Arealität und Sozialität in der Sprache“)
 
Die Funktionen von Schriftsprachvarianten in neuen Kommunikationstechnologien können im Allgemeinen mit der schriftsprachlichen Inszenierung nähesprachlicher Kommunikationsverhältnisse erklärt werden; ihre Auswirkungen auf das Varietätengefüge des Deutschen sowie auf die standardschriftsprachliche Kompetenz von Schreibenlernenden sind hingegen noch kaum erforscht:
 
In Bezug auf das Varietätengefüge wird u.a. davon ausgegangen, dass die Entwicklung der Schrift dazu geführt habe, dass die (künstlichen) Schriftsprachen sich als „Kodierungsanweisungen für die Informationsspeicherung und –verarbeitung“ (Schlobinski) erwiesen. Diese Schriftsprachen seien, da sie ausgerichtet worden seien auf systematische Strukturen („technische Parameter“), eben „Kunstsprachen“ (Schottelius) bzw. Standardsprachen. Durch substandardsprachliche Verschriftungen in neuen Medien gewinne indes die Standardsprache an Natürlichkeit zurück, weshalb Giesecke von „Renaturalisierung“ spricht und Schlobinski davon, dass „funktionale Schriftsprachvarianten“ entstehen, „die sich in Konkurrenz zu Standardisierungs- und Normierungsprozessen ausbilden“. Kilian (2001) spricht von großraumregionalen „geschriebenen Umgangssprachen“, die innerhalb engerer regionaler Bereiche zu geschriebenen Mundarten tendieren (vgl. Kilian 2011l).
 
In Bezug auf die standardschriftsprachliche Kompetenz von Schreibenlernenden ist zunächst davon auszugehen, dass die aus strategischen Gründen erfolgende Verschriftung von Dialekten und regionalen Umgangssprachen grundsätzliche Einsichten in die graphematische, grammatische und orthographische Kodierung der geschriebenen deutschen Standardsprache – und ihrer Kodifikation – ebenso voraussetzt wie eine „nähesprachliche“ Bewertung, mithin Umwertung der davon abweichenden Strukturen. Vor diesem Hintergrund muss ein zumindest implizites deklaratives Wissen sowie ein verfügbares prozedurales Wissen in Bezug auf die bewusste Produktion von der Standardschriftsprache abweichender dialektaler bzw. regionalsprachlicher Verschriftungen angenommen werden, des Weiteren ein zumindest implizites Wissen über konventionelle Symptomfunktionen dieser Verschriftungen. Die Kehrseite ist aber auch unverkennbar: Bei Schreiberinnen und Schreibern, die über dieses deklarative und prozedurale Wissen nicht verfügen, werden Abweichungen von der geschriebenen deutschen Standardsprache aufgrund von Unsicherheiten oder Wissensdefiziten (d.h. dann: als Indexe graphematischer, grammatischer wie auch orthographischer Schwierigkeiten) wahrscheinlich zunehmen.
 
Das Projekt hat zum Ziel, Auswirkungen dieser Verschriftung regional umgangssprachlicher und mundartlicher auf das Varietätengefüge des Deutschen sowie auf die schriftsprachliche Kompetenz von Schreibenden und Schreibenlernenden zu untersuchen.