Deutsche Sprachwissenschaft

Sprache und Religion

Verkünden, verehren, vergegenwärtigen - Sprache im Diskursbereich "Religion"

 

Alexander Lasch (Kiel)

 

Sprache und Religion als Gegenstand der Linguistik

Die Linguistik scheute sich lange davor, Texte, die der Domäne "Religion" zugeordnet werden, zu untersuchen. Dem lag sowohl auf Seiten der Linguistik als auch der Theologie das Missverständnis und die Befürchtung zu Grunde, dass man die Deutungskompetenz und Deutungshoheit der jeweils anderen textauslegenden Disziplin damit in Frage stellte. Indiz dafür ist, dass sowohl Hugo Mosers Arbeit zu Sprache und Religion als auch August Langens Wortschatz des deutschen Pietismus zwar heute noch mit Gewinn rezipiert werden, allerdings in den Folgejahren kaum Arbeiten an ihre Fragestellungen anschlossen.

Dass Linguistik und Theologie verschiedene Erkenntnisinteressen haben und unterschiedliche Ziele verfolgen, erwies sich zwar bereits bei Moser und Langen, allerdings öffnete erst die so genannte pragmatische Wende innerhalb der Linguistik, die die Aufmerksamkeit und das Forschungsinteresse weg vom Wort und Satz hin Sprachgebrauch lenkte, den Weg zur wissenschaftlichen Begründung des genuin differenten Forschungsinteresses der Linguistik. Jetzt gerieten Fragen der Produktion, Rezeption und Kommunikation in den Blick, die hinsichtlich ihrer Bedingungen und Konsequenzen befragt werden konnten. Eine weitere Voraussetzung stellte innerhalb der Linguistik die Rezeption der soziologischen Studien zum Ritual dar (Werlen, Paul, Fix). Für die Linguistik erwiesen sich dabei sowohl der Gegenstand als auch die Perspektive der Soziologie als wegweisend: Diese abstrahierte nämlich von einzelkulturellen Erscheinungen und suchte generelle Handlungsmuster des Rituellen zu erarbeiten, die sie nicht mehr nur auf die Domäne "Religion" beschränkt sah. Als einschlägig haben hier die Publikationen von Viktor Turner und Hans Georg Soeffner zu gelten. Dennoch ist die Forschungslage auch heute noch dürftig: Einzeluntersuchungen wurden zwar vorgelegt etwa zu den Textsorten Kirchenlied (Moser, Greule), Predigt (Funk, Pfefferkorn, Grözinger, Paul) und Lebensbeschreibung (Lasch) oder zum Themenkomplex Rhetorik und Stilistik der ‚religiösen Sprache' (Grözinger, Paul), kommunikationstypologische Studien (Lasch im Druck), die den Zusammenhang von Verkündigung, Verehrung und Vergegenwärtigung auch vergleichend zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften beschreiben und erhellen, fehlen aber.


Ziel der Untersuchungen

Ziel der Studien ist es, einen umfassenden Einblick in die Kommunikationsstrukturen des religiösen Raumes zu bieten aus spezifisch sprachwissenschaftlicher Perspektive. Das Projekt wird - gegen die aktuelle Tendenz - vor allem Gemeinsamkeiten der Religionsgemeinschaften erarbeiten und sie damit als prägend für den Zusammenhalt des abend- und morgenländischen Kulturraums ausweisen.

 

Vorarbeiten und Ergebnisse

[2005] Beschreibungen des Lebens in der Zeit. Zur Kommunikation biographischer Texte in den pietistischen Gemeinschaften der Herrnhuter Brüdergemeine und der Dresdner Diakonissenschwesternschaft im 19. Jahrhundert (Germanistik 31). Münster: LIT.

[2009a] "Mein Herz blieb in Afrika". Eine kommentierte Anthologie Herrnhutischer Missionsberichte von den Rändern der Welt am Beginn des 19. Jahrhunderts (N.L. von Zinzendorf. Materialien und Dokumente. Reihe 2, 34). Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms.

[2009b] Fensterweihe und Fensterstreit. Die Katholische Kirche und der mediale Diskurs. In: Ekkehard Felder und Marcus Müller (Hgg.). Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerks "Sprache und Wissen" (Sprache und Wissen 3). Berlin, New York: de Gruyter. 337-369.

[2011] Texte im Handlungsbereich der Religion. In: Stephan Habscheid (Hg.). Textsorten, Handlungsmuster, Oberflächen. Linguistische Typologien der Kommunikation. Berlin, Boston: De Gruyter. 536-555.

[2012] Die A[ssassinen] sollen aus Ägypten stammen – Geschichte(n) eines radikal-islamischen Ordens und ihre Diskursivierung an der Schwelle zur Moderne. In: Christian Braun (Hg.): Sprache und Geheimnis. Sondersprachenforschung im Spannungsfeld zwischen Arkanem und Profanem (Lingua Historica Germanica 4). Berlin: Akademie. 89-106.

[im Druck] Gott ist ein Freund des Lebens. Die Konstruktion [NP+des Lebens] im palliativmedizinischen Diskurs. Erscheint 2014 in: Alexander Ziem & ders. (Hgg.). Konstruktionsgrammatik IV: Konstruktionen als soziale Konventionen und kognitive Routinen. Tübingen: Stauffenburg.

[im Druck] Sprache und Religion. Erscheint 2014 in: Ekkehard Felder & Andreas Gardt (Hgg.). Handbuch Sprache und Wissen (HSW 1). Berlin, Boston: De Gruyter (zusammen mit Wolf-Andreas Liebert).

[im Druck] Zur Vereinbarkeit von diskurslinguistisch motivierter Sprachgeschichtsschreibung und maschineller Sprachanalyse am Beispiel des "Islamismus"-Diskurses. Erscheint 2014 in: Vilmos Ágel & Andreas Gardt (Hgg.). Paradigmen der aktuellen Sprachgeschichtsforschung (Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte 5). Berlin, Boston: De Gruyter.

[in Vorbereitung] Handbuch Sprache und Religion (HSW 18). Berlin, Boston: De Gruyter (hg. gemeinsam mit Wolf-Andreas Liebert).

 

Forschungsnetzwerke

Im Forschungsnetzwerk "Sprache und Wissen - Probleme öffentlicher und professioneller Kommunikation" unter der Leitung von Ekkehard Felder an der Universität Heidelberg sind Alexander Lasch und Wolf-Andreas Liebert für die Projektleitung der Wissensdomäne "Religion" verantwortlich. Fachlicher Kooperationspartner ist Wilfried Härle (Heidelberg). Alexander Lasch ist Mitglied des Forschungsnetzwerks "Bibel und Literatur" unter der Leitung von Andrea Polaschegg (HU Berlin) und Daniel Weidner (ZfL Berlin).