Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere niederdeutsche Sprache und Literatur

Station 6: Klaus-Groth-Platz

Das Haus des Dichters am Klaus-Groth-Platz

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Klaus Groths Haus im Schwanenweg, 1869 (v.l.n.r.: Hausmädchen Margarethe Staby, Herman Grimm,
Doris Groth, Klaus Groth sowie Groths Söhne August, Carl und Albert)

Zur nächsten Groth-Stätte geht es etwas weiter ins Land hinein. Dazu nimmt man am besten den Weg durch den Alten Botanischen Garten, der allerdings erst in Groths späten Jahren eingerichtet worden ist. Von Groths Seite sind keine Äußerungen darüber bekannt, was eigentlich etwas verwundert, denn er war sehr am Botanischen interessiert, aber er richtete seinen Blick im Wesentlichen auf heimische Gewächse. Der Weg führt am Literaturhaus Schleswig-Holstein vorbei, einer Einrichtung, die sich ausdrücklich auch den heimischen Literaturbestrebungen widmet, aber nicht minder weiten internationalen Verflechtungen. Als man das alte Gärtnerhaus zum Literaturhaus gemacht hat, hat man durchaus daran gedacht, dass ganz in der Nähe Groths Wohnhaus gestanden hat, so dass etwas wie ein poetischer Bezug gegeben ist.

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"Haus Quickborn", der Nachfolgebau
von Groths Wohnhaus

Am Ende des Schwanenwegs liegt der Klaus-Groth-Platz, und als Nr. 1 steht da ein Haus, in dem die schleswig-holsteinische Zentrale des Deutschen Roten Kreuzes untergebracht ist. Über dem Eingang zu diesem Gebäude stand bis vor wenigen Jahren noch die Schrift "Haus Quickborn" als Erinnerung daran, dass hier einst der Quickborn-Dichter gelebt hat. Sein Haus ist 1909 für die Errichtung dieses Nachfolgebaus abgebrochen worden, der ursprünglich ein Sanatorium war. Beim Ausschachten hat man einen Findling zutage gefördert, der dann als Denkstein benutzt worden ist. In diesen ist die Schrift eingemeißelt: "Hier lebte ⁄ Klaus Groth ⁄ 1866-1899." Allerdings kehrt der Stein der Straße den Rücken zu. Lesen kann man die Schrift, wenn man aus dem Haus herauskommt. Groths Haus war bescheidener - notwendigerweise, denn er hat bis in seine letzten Jahre hinein nie eine wirklich tragfähige finanzielle Basis erlangen können. Aber damals, 1909, als dieses Haus gebaut wurde, war es so selbstverständlich, dass man Groth kannte und von seinem Dasein hier bis zu seinem Tode wusste, dass außer den Daten keine weitere Erklärung notwendig erschien.

Neue Werke und Schicksalsschläge

Hierher gezogen ist Groth in für ihn schicksalsschweren Jahren. Zwar hat sich damit seine alte Sehnsucht nach eigenem Haus und Herd mit Frau und Familie erfüllt, aber kurz vor dem Einzug war sein ältester, anscheinend recht begabter Sohn gestorben, die Kosten für das Haus waren zu teuer geworden, und bei seiner Frau stellten sich mehr und mehr gesundheitliche Schwierigkeiten ein. Zwar hat Groth — ebenfalls kurz vor dem Einzug — durch den österreichischen Statthalter Gablenz den Titel eines Professors erhalten, aber kein Amt dabei; nur sein Jahrgeld ist etwas erhöht worden. Immerhin ist Groth hier, in seinem neuen Haus, wieder zu bedeutenderen poetischen Arbeiten gekommen. Vier Jahre lang hat er an seinem plattdeutschen Epos in Blankversen "De Heisterkrog" gearbeitet, in dem er eindrucksvoll und mit sprachlicher wie auch formaler Meisterschaft das Schicksal einer aus den Niederlanden zugewanderten Familie behandelt. Er hat auch ein neues plattdeutsches "Vertelln", "Um de Heid", verfasst, das sich mit dem Schicksal eines Heider Unternehmers in der napoleonischen Zeit befasst. Aber erst 1871 hat er diese Arbeiten — zusammen mit nach dem ersten Teil des "Quickborn" entstandenen Gedichten — als "Quickborn. Zweiter Theil" erscheinen lassen. Eine neue Not hat gewiss zur Wahl des Zeitpunkts beigetragen: Das Geschäft von Groths Schwiegervater in Bordeaux war Anfang 1870 zusammengebrochen. Er hatte die Familie, in der inzwischen drei Söhne lebten, unterstützt. Jetzt hatte diese plötzlich die Hälfte ihrer Einnahmen verloren. Und auch die Hoffnung auf einen Erfolg der Veröffentlichung erfüllte sich nicht. In der Zeit des Sieges über Frankreich und der Gründung des deutschen Kaiserreiches stand anderes im Vordergrund. Gleich drei weitere "Vertelln" hat Groth noch 1871 in Zeitungsfortsetzungen bzw. in einer Zeitschrift erscheinen lassen. Aber zu einer regelmäßigen Verbesserung der Situation konnte das nicht beitragen. Groth hat später mit Blick auf die in jener Zeit erfolgreichen Fritz Reuter und Johann Meyer geklagt, er sei ein Menschenalter lang totgereutert und totgemeyert worden. Die Groths haben, um Einnahmen zu gewinnen, auch Pensionärinnen ins Haus genommen. Aber Doris Groths Gesundheit war für diese Aufgabe zu sehr angegriffen. Als 1876 weitere drei "Vertelln" ("Min Jungsparadies", "Vun den Lüttenheid" und "De Höder Mæl") erschienen, die durchaus der Beachtung wert sind, war ihr Zustand schon so schlecht, dass trotz Geldmangels der Versuch gemacht wurde, durch einen Winter an der Riviera Besserung zu verschaffen. Es hat nicht geholfen. Doris Groth ist im Januar 1878 in ihrem Haus hier gestorben.

Groths Söhne

Klaus Groth hat sich danach ganz besonders seinen Söhnen gewidmet. Er hat sich bemüht, ihnen eine gute Kindheit zu verschaffen. Das Spiel und das Entdecken der Welt sollte dabei nicht zu kurz kommen. Gelegentlich, bei einem seiner Besuche, hat auch Groths Freund Brahms mitgespielt. Es ist überliefert, dass er mit den Groth-Söhnen am Rand der Sandgrube hinter dem Garten Drachen steigen ließ. Um Bildung ging es natürlich auch. Groth hat seine Söhne aufs Gymnasium geschickt. Allerdings hatten sie einige Mühe damit, und auch der Vater war mit dem Programm dieser Schulart nicht zufrieden. Es war ihm zu sehr auf Latein und die Antike bezogen, zu wenig auf die gegenwärtige Welt. Im Gedicht hört sich das dann so an:

Min Jungs op de Scholbank ⁄⁄ Ja hörn un sehn vergeten se, ⁄ Harrn se′t vun mi nich lehrt. ⁄ Vocabeln awer eten se ⁄ Un op de Scholbank seten se, ⁄ Dat harr en Schoster ehrt. ⁄⁄ De Dümmsten weern min Jungens kum, ⁄ Dat wies sik achterher. ⁄ Doch seten se sik dumm un krumm ⁄ Un lehrn so vel Vocabeln kum, ⁄ As to′t Examen hör. ⁄⁄ [...] ⁄⁄ Och, lehrt de Jungens hörn un sehn, ⁄ — Mintwegen ok Latin — ⁄ un fröhlich bruken Arm un Been, ⁄ Dat jeder endlich seggt: Wa schön ⁄ Weer′t eenmal jung to sin!

Zum Anhören des Zitates bitte Hier klicken. (gelesen von Ulf Bichel)

 

Dat erste Klockenlüden an′n Niemannsweg

Noch zwei Gedichte müssen an diesem Ort erwähnt werden, denn sie sind zu den bekanntesten Groth-Gedichten geworden und sind klar auf diesen Platz bezogen. Das erste bezieht sich auf die erste Kieler Garnisonkirche (heute Pauluskirche), die in eben jener Sandkuhle gebaut worden ist, in und an der die Groth-Kinder einst gespielt hatten. Der ursprüngliche Titel (in der Kieler Zeitung) lautet: "Dat eerste Klockenlüden an′n Niemannsweg". Für Groth war das Anlass, den Wandel der Zeit mit Hilfe konkreter Beobachtung bewusst zu machen. Er blickt zunächst zurück:

Dar sungn fröher de Lurken ⁄ Inn Morgendau, ⁄ Int Abendgrau, Dar wog dat Koorn, ⁄ Blöhn Hecken un Doorn, ⁄ Un wenn ik wanner ⁄ Un sei′ un plant, ⁄ So seeg ik rut öwer′t gröne Land ⁄ Eensam.

Diesem Erinnerungsbild stellt er das Heute gegenüber:

Dat weer domals. — ⁄ Min Böm wussen op, ⁄ Wussen mi öwern Kopp, ⁄ Rapphehn un Swans gungn weg: ⁄ Wi kregen en Swanenweg. ⁄ Brunswik war en Vörstadt, ⁄ Kiel war en Weltstadt — ⁄ Wat en Vergnögen! ⁄ De Vageln seeg man verswinn′, ⁄ Jümmer mehr Minschen, de man nich kenn. ⁄ Nie Hüs′ warn but, ⁄ Ut de olen trocken se nich ut. ⁄ Rund um mi her ⁄ Keem′ Schösteens jümmer mehr. ⁄ Wer der kak, ⁄ Wat he mak, ⁄ Dat weer en Jeden sin egen Sak. —"

Zum Anhören des Zitates bitte Hier klicken. (gelesen von Ulf Bichel)

Theodor Storm schrieb in seiner Briefantwort auf die Zusendung dieses Gedichts: "[...] es thut wohl, es einmal formulirt u. so herzlich, wie von Dir, ausgesprochen zu lesen."

Min Port

Das zweite Gedicht "Ut den Swanenweg" ist womöglich noch berühmter geworden. Groth schrieb es, als sein nun ältester Sohn das Haus verließ, um sein Berufsleben zu beginnen. Hier wieder Auszüge daraus:

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Klaus Groth an "Min Port", 1889

Min Port ⁄⁄ De Port is noch dar, geit open un to, ⁄ Ok knarrt un jankt un klappt se as do. ⁄ Dar gung′n, de mi leef weern, ut un in: ⁄ De Fru, de Kinner, Verwandte un Frünn. ⁄ [...] ⁄⁄ Allmählich keem′t - do gung een ut de Port, ⁄ Darhin gung de Weg, un nu weer se fort. ⁄ Ja, rut weer se kam′, torügg keem se nich, ⁄ Un mi — mi lepen de Tran′n vunt Gesicht. ⁄ De Sünn schint wedder, de Blöm, de blöhn, ⁄ De Summer weer dar, un de Böm warn grön, ⁄ Ik hör de Port, wa se klappt un knarrt — ⁄ De Sünnschien kummt mi nich wedder int Hart. ⁄⁄ Denn weer′t en anner — ok he gung fort, ⁄ Hoch weer he wussen hier achter de Port. ⁄ Dat Nest ward to lütt, de Vagel ward flügg, ⁄ He geit in de Welt, he winkt noch torügg: ⁄ Ade! Ade! ⁄ Un de Port, de knarrt, ⁄ Un ik sitt dar mit min eensam Hart. ⁄⁄ So ward se still un stiller min Port, ⁄ All wat mi leef, geit rut un blift fort. ⁄ Bekannte to vel, jümmer weniger Frünn, ⁄ Un endlich bliv ik alleen hier binn. ⁄⁄ Un wenn de Port toletzt mal knarrt, ⁄⁄ Denn is′t wenn man mi rutdregen ward. ⁄ [...]

Zum Anhören des Zitates bitte Hier klicken. (gelesen von Ulf Bichel)



Als Groth kurz nach seinem 80. Geburtstag gestorben ist, ist er allerdings nicht in aller Stille aus seiner Pforte herausgetragen worden. Inzwischen hatte man sich an seine Bedeutung wieder erinnert. Im Garten vor dem Haus hat es eine Trauerfeier mit starker öffentlicher Beteiligung gegeben, und dem Trauerzug von hier bis zum Südfriedhof haben auch viele aus der Bevölkerung das Geleit gegeben.

Text: Prof. Dr. Ulf Bichel.

Bildnachweis: Abb. 1: Holger Behling, Kieler Stadt- und Marinebilder, Neumünster 1993, S. 67. Abb. 2: Jürgen Jensen, Kieler Stadtporträt 1870/1920. Der Einzug der Moderne im Spiegel der Bildpostkarte, Heide 2002, S. 162. Abb. 3: Inge Bichel, Ulf Bichel und Joachim Hartig, Klaus Groth. Eine Bildbiographie, Heide 1994, S. 109. Abb. 4: Ivo Braak und Richard Mehlem, Klaus Groth. Sein Leben in Bild und Wort (Sämtliche Werke, Bd. 8), Flensburg 1965, S. 291.