Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere niederdeutsche Sprache und Literatur

Geschichte

 

Geschichte der Niederdeutschen Abteilung in Kiel

1. Frühe Forschungen zum Niederdeutschen

Forschungen zum Niederdeutschen haben in Kiel eine lange Tradition. Bereits 1768 verfasste der Kieler Jurist Johann K. H. Dreyer ein Buch mit dem Titel „Abhandlung von dem Nutzen des treflichen Gedichts Reinke de Voß“. Als sich mit der zunehmenden Differenzierung der Geisteswissenschaften am Anfang des 19. Jahrhunderts die Germanistik als eigene Wissenschaft herausbildete, gerieten das Niederdeutsche und seine Literatur in den Blick der jungen Disziplin. Ein erster Lehrstuhl für die deutsche Sprache wurde in Kiel in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet. Diesen erhielt im Jahre 1843 Karl Müllenhoff (1818-1884). Ähnlich wie die Brüder Grimm ist auch Müllenhoff noch heute bekannt u. a. als Sammler der „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig-Holstein und Lauenburg“.

Zur Person: Wilhelm Scherer: Karl Müllenhoff. Ein Lebensbild. Einleitet und herausgegeben von Frank Trende. Heide 1991 [Erstaufl. 1896]; Rudolf Bülck: Karl Müllenhoff und die Anfänge des germanistischen Studiums an der Kieler Universität. Neumünster 1951; Um den Quickborn. Briefwechsel zwischen Klaus Groth und Karl Müllenhoff. Herausgegeben von Volquart Pauls. Neumünster 1938.

An Müllenhoff wandte sich der junge Dichter Klaus Groth (1819-1899) aus Heide in Dithmarschen, der am Ende des Jahres 1852 seinen Gedichtband „Quickborn“ mit plattdeutschen Texten veröffentlicht hatte. Müllenhoff bot für den Ausbau des Werkes seine Hilfe an und wurde in der Folge zum unermüdlichen Anreger und Herausgeber. Groth und Müllenhoff entwickelten in gemeinsamer Arbeit eine neue Orthographie, die für Menschen, die es gewohnt waren, Hochdeutsches zu lesen, leichter zu verstehen war. Hinzu kam ein Anhang mit einem das Verständnis erleichternden Glossar. In dieser Form erschien der Quickborn ab der dritten Auflage. Groth erhielt für seinen Gedichtband die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn. Dieser akademische Grad war damals noch mit dem Recht verbunden, an der Universität zu lehren. Deshalb bemühte sich Groth, dieses Recht von Bonn nach Kiel umschreiben zu lassen. Die Umhabilitation konnte ihm - der keine Universität, nicht einmal ein Gymnasium besucht hatte, sich seine durchaus respektable Bildung vielmehr autodidaktisch angeeignet hatte - nicht verwehrt werden. Seine Bemühungen, Nachfolger von Müllenhoff auf dem Germanistik-Lehrstuhl zu werden, hatten jedoch keinen Erfolg. Groth konnte deshalb zwar als Privatdozent an der Christian-Albrechts-Universität Kiel tätig sein, bezog hieraus jedoch kein reguläres Gehalt, das ihm ein seiner Meinung nach angemessenes großbürgerliches Leben ermöglicht hätte. Seine Lehre bot Groth im Bereiche der neueren deutschen Literaturwissenschaft an. Als 1866 nach dem deutsch-dänischen Krieg die österreichische Verwaltung in Kiel einzog, billigte ihm diese zumindest den Professorentitel und etwa die Hälfte des entsprechenden Professorengehalts zu.

Zur Person: Bichel, Inge / Bichel, Ulf / Hartig, Joachim: Klaus Groth: eine Bildbiographie [erschienen als Gedenkschrift zum 175. Geburtstag Klaus Groths am 24. April 1994]. Heide 1994.
Literarische Arbeiten von Klaus Groth (Auswahl): Quickborn, Hg. von Ulf Bichel. Heide 1998; Vertelln. Neu hg. von Ulf Bichel und Reinhard Goltz. Heide 2001.
Zum literarischen Werk von Klaus Groth vgl. Klaus-Groth-Gesellschaft Jahresgabe. Hrsg. von der Klaus-Groth-Gesellschaft. Heide 1955ff.

Klaus-Groth-Archiv am Germanistischen Seminar der Universität Kiel

2. Regelmäßige Berücksichtigung des Niederdeutschen in der Lehre

Seit 1896/97 hielt der Germanist und Dialektologe Friedrich Kauffmann (1863-1941) über eine längere Zeit hinweg unter dem Titel „Niederdeutsche Sozietät“ eine Seminarübung ab. Diese wurde nach einigen Jahren von Otto Mensing (1868-1939) fortgeführt. Mensing hatte sich 1903 in Kiel habilitiert. Er verfasste mehrere zu seiner Zeit weit verbreitete Schulbücher zur deutschen Grammatik und befasste sich intensiv mit den modernen und historischen Dialekten der Region. Das von Mensing herausgegebene Schleswig-Holsteinische Wörterbuch erschien zwischen 1927 und 1935 als Volksausgabe in fünf Bänden. Darüber hinaus trat Mensing u.a. als Herausgeber regionaler Texte des 17. Jahrhunderts hervor. Im Jahre 1921 gründete er die Niederdeutsche Bühne Kiel, wo er als Theaterleiter und Schauspieler tätig war. 1917 erhielt er den Professorentitel, doch erst 1928 wurde er für seine Niederdeutsch-Forschungen vom Schuldienst befreit.

Zur Person: Reinhard Goltz u. Hartwig Motzow: Art. O. Mensing. In: In: Internationales Germanistenlexikon. 1800-1950. 4 Bde. Hg. von Christoph König. Berlin, New York 2003. Bd. 2, S 1200f.


Wissenschaftliche Arbeiten von Otto Mensing (Auswahl): Schleswig-Holsteinisches Wörterbuch. Volksausgabe. Herausgegeben von Otto Mensing. Bd. 1-5. Neumünster 1927-1935; Volkssprache und Volkskunde bei Theodor Storm. Flensburg 1923; Niederdeutsches Allerlei. Volkstümliche Vorträge. Neumünster 1934.
Texteditionen: Die Bauernchronik des Hartich Sierk aus Wrohm (1615-1664). Mit Einleitung, Anmerkungen und Wörterverzeichnis herausgegeben von Otto Mensing. Flensburg 1925; De Holsteensche Rüggeloeper und andere Flugschriften zum Schwedeneinfall in Holstein vom Jahre 1644. Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Otto Mensing. Neumünster 1938.

Seit 1920 wurde zu wiederholten Malen eine Professur für niederdeutsche Sprache und Literatur beantragt, die 1924 auch tatsächlich bewilligt wurde, doch aufgrund der angespannten Finanzsituation nicht eingerichtet werden konnte. Wie an vielen anderen Universitäten war auch in Kiel noch lange Zeit nur ein Germanistik-Ordinarius für den gesamten Bereich „Deutsche Sprache und ältere deutsche Literaturgeschichte“ zuständig. Lediglich für die neuere deutsche Literatur gab es hier seit 1901 eine eigene Professur.

3. Einrichtung einer Niederdeutsch-Professur

Seit 1948 war Gerhard Cordes (1908-1985) als Lektor für Niederdeutsch und Niederländisch tätig. Er führte die inzwischen fünfzigjährige Sozietät als Niederdeutschen Lesekreis fort. Im Jahre 1952 erhielt Cordes das neu eingerichtete Extraordinariat für Niederdeutsch, das schließlich 1957 zu einer planmäßigen Professur für Deutsche, insbesondere Niederdeutsche Philologie ausgebaut werden konnte. Er war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1973 Leiter der Niederdeutschen Abteilung. Gerhard Cordes verfasste zahlreiche Artikel und mehrere Bücher zur niederdeutschen, insbesondere ostfälischen Sprachgeschichte und gab zusammen mit Dieter Möhn 1983 das große „Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“ heraus. Nach dem Tode Conrad Borchlings im Jahre 1946 übernahm Cordes, später gemeinsam mit Annemarie Hübner, die Leitung des „Mittelniederdeutschen Handwörterbuchs“ (begründet von Agathe Lasch und Conrad Borchling). Von 1966 bis 1975 war Cordes Vorsitzender des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung.

Zur Person: Hubertus Menke: Artikel G. Cordes. In: Internationales Germanistenlexikon. 1800-1950. 4 Bde. Hg. von Christoph König. Berlin, New York 2003. Bd. 1, S. 341-343.
Festschrift für Gerhard Cordes zum 65. Geburtstag. In Verbindung mit dem Verein für Niederdeutsche Sprachforschung herausgegeben von Friedhelm Debus und Joachim Hartig. Bd. 1: Literaturwissenschaft und Textedition. Neumünster 1973. Bd. 2: Sprachwissenschaft. Neumünster 1976.
Wissenschaftliche Arbeiten von Gerhard Cordes (Auswahl): Schriftwesen und Schriftsprache in Goslar bis zur Aufnahme der neuhochdeutschen Schriftsprache. Hamburg 1934; Zur Sprache Einhards von Oberg. Hamburg 1939; Altniederdeutsches Elementarbuch. Wort- und Lautlehre. Heidelberg 1973; Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Herausgegeben von Gerhard Cordes und Dieter Möhn. Berlin 1983; Niederdeutsche Mundartdichtung. In: Deutsche Philologie im Aufriß. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter herausgegeben von Wolfgang Stammler. 2., überarb. Aufl. Bd. 2. Berlin 1966. Sp. ......; Alt- und mittelniederdeutsche Literatur. In: ebd., 2473-2520; Studien zu den ältesten ostfälischen Urkunden. In: Niederdeutsches Jahrbuch 71-73 (1948-50), S. 90-133; 74 (1951), 11-26; Zur Erforschung der Urkundensprache. In: Niederdeutsches Jahrbuch 82 (1959), S. 63-79; Wortbildung des Mittelniederdeutschen (aktualisiert von Hermann Niebaum). In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Herausgegeben von Werner Besch et al. 2., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl. Zweiter Teilband. Berlin/New York 2000, S. 1463-1470.
Texteditionen: Auswahl aus den Werken von Hermann Bote. Besorgt von Gerhard Cordes. Wolfenbüttel 1948; Die Goslarer Chronik des Hans Geismar. Herausgegeben von Gerhard Cordes. Goslar 1954; Hermann Bote: Der Köker. Mittelniederdeutsches Lehrgedicht aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Herausgegeben von Gerhard Cordes. Tübingen 1963; Ein Neuwerker Kopialbuch aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Bearbeitet und herausgegeben von Gerhard Cordes. Goslar 1968.

Nachfolger von Cordes am Kieler Lehrstuhl wurde 1974 Willy Sanders (*1934). Neben einer Reihe von Artikeln insbesondere zur alt- und mittelniederdeutschen Sprachgeschichte verfasste Sanders im Jahre 1982 die erste und bis heute einzige umfassende niederdeutsche Sprachgeschichte „Sachsensprache - Hansesprache - Plattdeutsch“. Darüber hinaus beschäftigte sich Sanders in mehreren Beiträgen mit den modernen Sprachgegebenheiten in Norddeutschland, insbesondere mit dem Kontakt der niederdeutschen Dialekte mit der hochdeutschen Dachsprache.

Zur Person: Sprachsplitter und Sprachspiele. Nachdenken über Sprache und Sprachgebrauch. Festschrift für Willy Sanders. Herausgegeben von Jürg Niederhauser und Stanislaw Szlek. Bern u.a. 2000.
Wissenschaftliche Arbeiten von Willy Sanders (Auswahl): Glück. Zur Herkunft und Bedeutungsentwicklung eines mittelalterlichen Schicksalsbegriffs. Köln u.a. 1965; Der Leidener Willeram. Untersuchungen zu Handschrift, Text und Sprachform. München 1974; Sachsensprache - Hansesprache - Plattdeutsch. Sprachgeschichtliche Grundzüge des Niederdeutschen. Göttingen 1982; Die Sprache der Hanse. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Herausgegeben von Werner Besch et al. Zweiter Halbband. Berlin/New York 1983. S. 991-1002; Lexikologie und Lexikographie des Altniederdeutschen (Altsächsischen). In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Herausgegeben von Werner Besch et al. 2., vollst. neu bearb. u. erw. Aufl. Zweiter Teilband. Berlin/New York 2000, S. 1257-1263; Die Textsorten des Altniederdeutschen (Altsächsischen). In: ebd., S. 1276-1283; Reflexe gesprochener Sprache im Altniederdeutschen (Altsächsischen). In: ebd., S. 1288-1294; Die niederdeutsche Sprachgeschichtsforschung. In: Niederdeutsches Jahrbuch 97 (1974), S. 20-36; Deutsch, Niederdeutsch, Niederländisch. In: Niederdeutsches Wort 14 (1974), S. 1-22; Niederdeutsch heute. Zur gegenwärtigen Lage der plattdeutschen Mundarten. In: Niederdeutsches Wort 19 (1979), S. 67-85; Interferenz im Niederdeutschen. In: Gedenkschrift für Heinrich Wesche. Herausgegeben von Wolfgang Kramer et al. Neumünster 1979. S. 227-253.

Nach einer mehrjährigen Vakanz erhielt Hubertus Menke (*1941) im Jahre 1983 den Ruf auf den Kieler Lehrstuhl, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 innehatte. Menke wurde international bekannt durch seine zahlreichen Arbeiten zur literarischen Gestalt und Überlieferung des Reineke-Fuchs-Stoffes. Daneben bilden soziolinguistische Untersuchungen zur Mehrsprachigkeit in Schleswig-Holstein, zu den niederländisch-niederdeutschen Literaturbeziehungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sowie zur Rolle des Niederländischen in Deutschland weitere Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit. Aus dem von Menke geleiteten DFG-Projekt „Niederdeutsche (Außen-)Sprachinseln in der Neuzeit“ gingen zwei Dissertationen hervor (s.u. Verzeichnis der Kieler Dissertationen). Von 1993 bis 2001 war Menke Vorsitzender des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung.

Zur Person: Vulpis Adolatio. Festschrift für Hubertus Menke zum 60. Geburtstag. Herausgegeben von Robert Peters u.a. Heidelberg 2001.
Wissenschaftliche Arbeiten von Hubertus Menke (Auswahl):
1) Zu Reinke de Vos: Die Tiernamen in Van den Vos Reinaerde. Heidelberg 1970; Bibliotheca Reinardiana Bd. 1: Die europäischen Reineke-Fuchs-Drucke bis zum Jahre 1800. Stuttgart 1992.
2) Andere Arbeiten: "Nedderlender mit allerhand verdechtiger Religion beflecket". Zur Sprache und Geschichte der Westerschen in den Herzogtümern Schleswig und Holstein (Gouden eeuw), Kiel 1983 (masch.-schriftl.); Die Niederlande und der europäische Nordosten. Ein Jahrtausend weiträumiger Beziehungen (700-1700). Herausgegeben von Hubertus Menke. Neumünster 1992 (darin: 'Het beloofde land'. Zur Sprache und Geschichte der Niederländer im nordelbischen Küstenraum (16./17. Jh.), S. 261-298; Zur niederländischen Sprache in Glückstadt, S. 317-327); Monolingual - bilingual - lektal? Die Zweisprachigkeit des niederdeutschen Kulturraumes aus historischer Sicht. In: Dialect and Standard Language in the English, Dutch, German and Norwegian language areas. Herausgegeben von J. A. van Leuvensteijn und Jan Berns. Bd. 1. Amsterdam u.a. 1992. S. 221-255; 'Ich bin ein Däne und spreche Deutsch.' Zur Sprachgeschichte und Sprachenpolitik im deutsch-dänischen Grenzraum. In: Sprachenpolitik in Grenzregionen. Herausgegeben von Roland Marti. Saarbrücken 1996, S. 137-161; Niederdeutsch: Eigenständige Sprache oder Varietät einer Sprache? In: Lingua Germanica. Studien zur deutschen Philologie. Jochen Splett zum 60. Geburtstag. Herausgegeben von Eva Schmitsdorf et al. Münster u.a. 1998. S. 171-184; Dänisch im Norden Deutschlands. In: Minderheiten- und Regionalsprachen in Europa. Herausgegeben von Jan Wirrer. Wiesbaden 2000. S. 116-126; Een' Spraak is man bloots een Dialekt, de sik to Wehr setten kann. Nachlese zur Diskussion um die Europäische Sprachenschutzcharta. In: Niederdeutsch. Sprache und Literatur der Region. Herausgegeben von Ursula Föllner. Frankfurt/M. 2001. S. 9-33; Ein Zensus zur Mehrsprachigkeit des nordfriesischen Regiolektraumes. In: Sprache, Sprechen, Sprichwörter. Festschrift für Dieter Stellmacher zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Maik Lehmberg. Stuttgart 2004. S. 121-137.
Paul Selk (1936/1986): Die sprachlichen Verhältnisse im deutsch-dänischen Sprachgebiet südlich der Grenze. Eine statistisch-geographische Untersuchung. Korrigierter Nachdruck der Ausgabe Flensburg, Verlag Heimat und Erbe von 1937 und 1940. Mit einem Anhang von drei Aufsätzen des Verfassers von 1942, 1950 und von 1960 zum Thema Sprachwandel und Sprachwechsel in Schleswig. Mit einem Vorwort von Hubertus Menke. Hamburg 1986.

Vgl. auch die aktuellen Forschungsprojekte von Prof. em. Dr. Hubertus Menke

4. Weitere Forschungen an der Niederdeutschen Abteilung

Im Jahre 1967 habilitierte sich Ulf Bichel (1925-2013) an der CAU Kiel über die deutsche Umgangssprache. In Lehre und Forschung berücksichtigte Bichel in großem Maße das Niederdeutsche. Noch lange Jahre nach seiner Pensionierung (1987) bot er immer wieder Vorlesungen zur neuniederdeutschen Literatur an. Schwerpunkte seiner Forschung waren Klaus Groth und die frühe neuniederdeutsche Literatur sowie das niederdeutsche Hörspiel. Joachim Hartig (1928-1999) begündete im Jahre 1978 das Klaus-Groth-Archiv an der Niederdeutschen Abteilung; Ingeborg und Ulf Bichel traten nach ihrer Pensionierung (1987) in den Arbeitskreis des Archivs ein. Auf seiner Grundlage erarbeiteten sie eine Vielzahl von Veröffentlichungen, nicht zuletzt die Bildbiographie Klaus Groth:

Klaus Groth: eine Bildbiographie. Hg. von von Inge Bichel; Ulf Bichel und Joachim Hartig. Heide 1994 (Jahresgabe der Klaus-Groth-Gesellschaft 36).

Im Jahre 2009 erschien die Klaus-Groth-Bibliographie in Kiel, die von Ulf und Inge Bichel bearbeitet wurde; 2012 konnte ein Klaus-Groth-Spaziergang ins Netz gestellt werden. Das Klaus-Groth-Archiv wurde bis 2013 von Ulf Bichel betreut.

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde erstmals eine Mikrozensus-Erhebung zum Gebrauch des Niederdeutschen vorgenommen. Sie wurde in Schleswig-Holstein durchgeführt und von Klaus Kamp und dem an der Niederdeutschen Abteilung Kiel tätigen Wolfgang Lindow ausgewertet. Weitere Erhebungen im südschleswigischen und nordfriesischen Dialektgebiet wurden in den 1990er Jahren unter der Leitung von Hubertus Menke durchgeführt (s.o.).

Klaus Kamp / Wolfgang Lindow: Das Plattdeutsche in Schleswig-Holstein. Eine Erhebung des Statistischen Landesamtes Schleswig-Holstein. Neumünster 1967.

Seit den 1950er Jahren sind unter Cordes, Sanders und Menke eine Reihe von Dissertationen im Bereich der niederdeutschen Philologie entstanden, die in der Niederdeutschen Abteilung eingesehen werden können. Einige seien hier genannt:

- Hans Bunje: Der Humor in der niederdeutschen Erzählung des Realismus. Neumünster 1953.
- Wolfgang Lindow: Volkstümliches Sprachgut in der neuniederdeutschen Dialektdichtung. Kiel 1960.
- Joachim Arp: Der Mensch in der niederdeutschen Komödie (Stavenhagen, Boßdorf, Schurek, Ehrke). Neumünster 1964.
- Hermann Kölln: Untersuchungen zu den niederdeutschen Bearbeitungen der Chronica novella Hermann Korners. Kiel 1965.
- Henning Gloyer: Mittelniederdeutsche Diplomatensprache. Sprachliches Handeln im Schrifttum der Hanse. Kiel 1973.
- Jochen Schütt: Zeitkritik in der niederdeutschen Literatur der Gegenwart. Studien zum Werk Hinrich Kruses. Neumünster 1974.
- Anke Renning: Von der Oralität zur Literalität. Untersuchungen zur Entwicklung der Sprachlagen eines ländlichen Raumes (Eiderstedt) in der frühen Neuzeit. Kiel 1991.
- Kai Rohkohl: Die plautdietsche Sprachinsel Fernheim, Chaco (Paraguay). Dokumentation des Sprachverhaltens einer russlanddeutschen Mennonitenkolonie. Marburg 1993.
- Brigitte Mertens: Vom (Nieder-)Deutschen zum Englischen. Untersuchungen zur sprachlichen Assimilation einer ländlichen Gemeinde im mittleren Westen Amerikas. Heidelberg 1994.
- Frerk Möller: Der typisierte Plattsprecher. Modalwertanalyse zum Niederdeutschen in Schleswig-Holstein anhand der GETAS-Umfrage von 1984. Leer 1996.
- Gabriela Niepage: Mittelniederdeutsche ‚Volksbücher‘ in dänischer Übersetzung. Ein Beitrag zur Rezeption populärer Erzählstoffe im hansisch-europäischen Raum. Kiel 1997.
- Ulrike Möller: Das Wörterbuch des Jakob von Melle. Untersuchungen zur niederdeutschen Lexikographie im frühen 18. Jahrhundert. Heidelberg 2000.
- Birgit Kellner: Zwischen Ablehnung und Abgrenzung. Orthographische Vereinheitlichung als Problem im Niederdeutschen. Heidelberg 2002.
- Tim Stichlmair: Stadtbürgertum und frühneuzeitliche Sprachstandardisierung. Eine vergleichende Untersuchung zur Sprachentwicklung der Städte Emmerich, Geldern, Nimwegen und Wesel vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Berlin/New York 2008.
- Viola Wilcken: Missingsch – Formen, Funktionen und Entwicklungslinien der Sprachkontaktvarietät im Spannungsfeld zwischen sprachlicher Wirklichkeit und literarischer Gestaltung. Diss. Univ. Kiel 2014.

Der Lehrstuhl wurde im Jahre 2006 mit der Berufung von Michael Elmentaler zum Professor für Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere Niederdeutsche Sprache und Literatur, wieder besetzt.