Deutsche Sprachwissenschaft, insbesondere niederdeutsche Sprache und Literatur

Figuren des Diabolischen in der niederdeutschen Literatur des späten Mittelalters (13. bis 15. Jahrhundert)

In vielen Zeugnissen des hohen und späten Mittelalters erscheinen der Teufel und seine Helfer als Gestalten höchstmöglicher Bedrängnis: als Versucher und Verführer; als Dämonen in Tier- und Menschengestalt; als Herren der Hölle, die jeden Sünder in alle Ewigkeit quälen; als Widersacher Gottes, der Luzifer und seiner Schar so viel Gewalt über menschliche Seelen gewährt, wie diese selbst es zulassen; kurz: als Komplex unmittelbar die menschliche Kreatur angreifender Bedrohungen von innen und außen. Diesen Komplex konkreter dämonisch-diabolischer Bedrohungen bezeichnen wir abgekürzt mit dem Stichwort Figuren des Diabolischen.

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Abb. links: Hans Leonhard Schäufelein:
Hiob, vom Teufel gequält,
Federzeichnung
(ca. 1510)

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Abb. rechts: Hans Leu d. Ä.
Der Höllensturz, Öl auf Holz
(um 1500)

Das Forschungsprojekt setzt sich zum Ziel, die unterschiedlichen Konstitutionsweisen der Teufelsfiguren in der niederdeutschen Literatur des späten Mittelalters – von den Anfängen der mnd. Überlieferung im 13. Jahrhundert bis zum Vorabend der Reformation im 15. Jahrhundert – für die wichtigsten Diskurstraditionen nachzuzeichnen. Niederdeutsche Texte verschiedenen Typs wurden unter diesem Aspekt bisher noch nicht behandelt, auch wenn 'Kulturgeschichten des Teufels' sich seit längerer Zeit schon einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Als Vergleichskorpus werden ausgewählte hochdeutsche und niederländische Werke untersucht, sodass unser Projekt nicht nur einen Beitrag zur Erschließung der mittelniederdeutschen Literatur zu leisten vermag, sondern darüber hinaus auch Aussagen zu den Teufelsfiguren in der volkssprachigen Literatur des Mittelalters in einem weiteren Gebiet möglich sind.

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Abb.: 'Broder Rusche' ('Bruder Rausch'), Titelholzschnitt des Frühdrucks, Stendal 1488

Der Bruder-Rausch-Schwankroman gehört zu originär niederdeutschen Texten, die im Forschungsprojekt untersucht werden. Gezeigt wird ein Teufel in einer Mönchskutte

Untersucht werden Werke der Chronistik (wie die 'Sächsische Weltchronik'), heilsgeschichtlich-didaktische Werke (wie Immesens 'Sündenfall'), Exempel- und Legendendichtung (wie 'Der Große Seelentrost' und die mnd. 'Theophilus'-Dichtungen), Verserzählungen (wie der 'Bruder Rausch', s. die Abbildung) und die niederdeutschen Osterspiele des 15. Jahrhunderts ('Redentiner' und 'Osnabrücker Osterspiel').

Methodisch knüpft das Projekt an die kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Literaturwissenschaften an, die im Zeichen einer Integration historisch-anthropologischer und diskursanalytischer Verfahren steht.

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit Juni 2007 gefördert.

Projektleiter:
Prof. Dr. Dorothea Klein (Universität Würzburg)
Prof. Dr. M. Elmentaler (Universität Kiel)

Wiss. Mitarbeiter:
Dr. Jörn Bockmann

Studentische Hilfskraft:
Kerstin Brix

PRESSE
Kieler Nachrichten, unizeit, 7. April 2007 (Artikel im pdf-Format)