Didaktik der deutschen Sprache

Didaktische Dialektik des Nichtverstehens. Zur Entdeckung der produktiven Funktionalität von Nichtverstehensdispositionen und Nichtverstehensmodi im Lehrgespräch der Frühen Neuzeit

 (Projekt im Rahmen des Projektkollegs "Anoetik – Formen und Leistungen des Nichtverstehens"; vgl. Projektkolleg Formen und Leistungen des Nichtverstehens)

 

 

Das Projekt steht in unmittelbarem Zusammenhang mit früheren Untersuchungen zum deutschen Lehrgespräch vom frühen 16. (Luther) bis zum frühen 19. Jahrhundert (Campe), vgl. u.a. Kilian 2002 (= RGL 233), 2009b, 2011k. Es nimmt seinen Ausgang von der Erkenntnis, dass Sprache eine wichtige, wenn nicht gar die wesentliche Funktion im Rahmen der Bildung des Menschen erfüllt. Diese Funktion ist bereits im Rahmen unterschiedlicher Theorien zur Beschreibung und Erklärung des menschlichen Lernens, Wissenserwerbs, Bildungsprozesses beschrieben und, zumindest in Ansätzen, empirisch erforscht worden (vgl. Brouer/Kilian/Lüttenberg [i. Dr.]). Bislang kaum berücksichtigt blieb dabei indes, dass, zumal in dialogischen Kontexten der Wissenserzeugung und ‑vermittlung, ein Nicht- oder Andersverstehen eher der Normalfall ist als ein Verstehen. Die moderne Didaktik hat auch aus diesem Grund nach wie vor Schwierigkeiten damit, Nichtverstehen in seiner funktionalen Potenz für das Verstehen zu erfassen und darüber hinaus lerntheoretisch in Beziehung zu setzen zu Wissenserwerb, Wissensvermittlung, Wissenserzeugung (vgl. Buck 1993; Härle/Steinbrenner 2003a, 2003b). Nichtverstehen im Gespräch kann indes als didaktischer Schlüssel bzw. Zugriff genutzt werden, ohne dass ein „richtiges“ Verstehen als Zielpunkt vorhanden wäre.

Vor diesem Hintergrund soll im Zuge einer interdisziplinären „Ausarbeitung einer Theorie produktiven Nichtverstehens“ die Entdeckung der produktiven Funktionalität von Nichtverstehensdispositionen und Nichtverstehensmodi im deutschen Lehrgespräch der Frühen Neuzeit in den Blick genommen werden. Ein wesentlicher Grundzug der Bildung in der Frühen Neuzeit ist die Anerkenntnis unterschiedlichen Verstehens von Etwas als Etwas und im Zusammenhang damit die Anerkenntnis des Nichtverstehens als ein didaktisch zu nutzendes produktives methodisches Prinzip, das zu einem Verstehen von Etwas als Etwas führen kann (vornehmlich dort, wo ein Erklären erschwert ist). Diese Anerkenntnis spiegelt sich im Umbruch von der Katechtik zur Sokratik, vom Prototyp des katechetischen zum Prototyp des sokratischen Gesprächs (und ihren jeweiligen Subtypen). An den Anfang dieser Entwicklung darf für den deutschen Sprachraum Luthers Katechismus-Konzept gesetzt werden, am Ende dieser Entwicklung stehen philanthropische Konzepte wie etwa das Carl Friedrich Bahrdts oder Joachim Heinrich Campes.

Zwischen diesen beiden zeitlichen Begrenzungen – Luther und Campe – erscheint eine lange Reihe dialogischer Lehr- und Lernbücher in deutscher Sprache, von Wolfgang Ratkes dialogischer Sprachwissenschaftslehre (z.B. die Allgemeine SprachLehr von 1619) über relativ einfache Dialoge zum Zweck des Erlernens des Deutschen als Fremdsprache (vgl. z.B. Volckmarus Nicolaus: Viertzig Dialogi, […], Dantzig 1729) bis hin zu sokratischen Gesprächen über die Mathematik (vgl. z.B. Michelsen: Versuch in socratischen Gesprächen über die wichtigsten Gegenstände der ebenen Geometrie, Berlin 1781). Diese Lehrbücher brechen mit der mittelalterlichen Vorstellung, dass es Aufgabe der Wissenschaft sei, das von Autoritäten mitgeteilte und in kanonisierten Schriften zusammengetragene Wissen zu bewahren und zu vermitteln; sie setzen vielmehr dazu an, es dialogisch zu ergliedern oder gar zu überbieten. Mit dem Aufbrechen des alten Dogmas und einer Entwicklung des „Wissenschafts“-Begriffs dahingehend, dass nunmehr die Vermittlung von Wissen zusammengebracht wurde mit seiner Vermehrung, mit der Suche nach Wahrheiten und der Erforschung der Welt, war indes mehr als je zuvor auch die Frage nach der Ermöglichung von Verstehen verknüpft – und die Suche nach Ansätzen zu einem produktiven Umgang mit Nicht-Verstehen.  Das Editions- und Forschungsprojekt setzt sich das Ziel,  die Geschichte und Entwicklung des Dialogs als "kommunikativer Gattung" der Wissensvermittlung und Wissenserzeugung zu rekonstruieren und die (An)erkenntnis des dialogischen Nicht-Verstehens als Schlüssel zum Verstehen in der Frühen Neuzeit zu rekonstruieren.