Ältere Deutsche Literatur

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Gutes Sterben und die Reise ins Jenseits - Verschränkungen von Endlichkeit und Ewigkeit im frühen deutschen Augsburger Buchdruck (1468-1530) (Dissertationsvorhaben) 

Das entstehende Dissertationsvorhaben untersucht die Verschränkungen von Vergänglichkeit und Ewigkeit im deutschsprachigen Augsburger Buchdruck. Obwohl die Produktion von eschatologischen Texten – vor allem Sterbebüchlein und Jenseitsreiseerzählungen – im Augsburger Buchdruck in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine ganz neue Konjunktur erfuhr, hat sich die Forschung zur ars moriendi Literatur und zu Jenseitsreisen bisher nur kursorisch mit diesem Reichtum an Quellen befasst. Ausgangspunkt des Dissertationsprojektes bildet eine Kompilation von Jenseitsreiseberichten mit Texten zum guten Sterben, die 1473 im Augsburger Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra gedruckt wurde. Es werden die Wissensbestände und die Möglichkeiten der Vermittlung von Wissen über Sterben und Jenseits – also Vergänglichkeit und Ewigkeit – analysiert. Zu erwarten ist, dass in dieser Kompilation die Bewältigungsformen von Vergänglichkeit neu funktionalisiert werden, denn hier treten Vergänglichkeit und Ewigkeit, so die Hypothese, in ein neues Verhältnis.

Durch das Medium des Buchdrucks werden die eschatologischen Themen vor allem für zwei Rezeptionsgruppen aufbereitet: Zum einen dienen die Drucke der seelsorgerischen Interaktion von Kloster und städtischer Bevölkerung. Zum anderen wurden die Drucke aber auch für die persönliche private Lektüre von Laien konzipiert. Während die Kompilation von 1473 eindeutig im Kontext dieser Verschmelzung von klösterlicher und laikaler Frömmigkeitspraxis zu verstehen ist, verselbständigt sich der Augsburger Buchdruck im Laufe des Untersuchungszeitraumes und nähert sich eher weltlichen Institutionen und Geldgebern an. Es entstehen daher Drucke zu Sterben und Jenseits, die deutlicher im Kontext einer eher laikalen Frömmigkeitspraxis zu verstehen sind, ohne sich jedoch gänzlich von den kirchlichen Institutionen und ihren Dogmen zu lösen: So entwickeln sich aber Umdeutungen und Verschiebungen in den Handlungsanweisungen eines guten Sterbens und in den Vorstellungen der Abläufe im Jenseits. Die in der ersten Projektphase aus der Kompilation von 1473 erarbeiteten Wissensbestände sollen daher mit den Wissensbeständen weiterer Drucke zu Sterben und Jenseits in Bezug zueinander gesetzt werden. So sollen die Ergebnisse historisch kontextualisiert werden: Die Sterbeliteratur und die Jenseitsreisetexte des 15. und frühen 16. Jahrhunderts antworten im religiös vielfältig strukturierten Augsburg – so die These – auf die Herausforderung einer sich im Spätmittelalter zur Reformation hin ausprägenden Verselbstständigung der Laienfrömmigkeit und religiösen Praxis bei gleichzeitiger Intensivierung kirchlich-institutioneller Bemühen um die Deutungs- und Durchführungshoheit der Jenseitsvorsorge.