Ältere Deutsche Literatur

Inhalte und Beispiele

Kolophone, also Schreiberzusätze, sind nicht grundsätzlich, aber sehr häufig ein Bestandteil mittelalterlicher Handschriften; meistens stehen sie am Ende des Codex respektive der verschriftlichten Texte. Zumeist enthalten Kolophone verschiedene Informationen zur Entstehung und Situierung der Handschrift. Dazu gehören vor allem der Name des Schreibers/der Schreiberin sowie Hinweise zu Entstehungsort und -zeit der Handschrift, gelegentlich finden sich auch Verweise auf den Auftraggeber oder weitere am Schreibprozess beteiligte Personen:

[Bildunterschrift: Ditz buoch ward geendet zu Hochstetten uff donrstag vor dem Sunntag Cantate vor Waltburgis von Conradus Schreyber von Ötingen Anno domini M ccccmo lviiimo [27. April 1458]; Abb. Cpg 4, fol. 197v]

Solche in Kolophonen enthaltenen produktionspragmatischen Informationen werden im Rahmen der Datenerhebung systematisch erfasst und  über kontrolliertes Vokabular annotiert. Zur Beschreibung der Kolophone gehören auch Angaben zur materiellen Gestaltung, die neben den inhaltlichen Parametern ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung ist. Materielle Aspekte sind nicht als isolierte Variablen zu betrachten, vielmehr hat die äußere Form der Kolophone, die jeweils in Relation zur Gestaltung der gesamten Handschrift zu betrachten ist, bedeutungstragende Dimensionen.

Kolophone sind aber nicht auf diese grundlegende Funktion beschränkt, den Schreiber zu benennen und explizite Daten zur Entstehung der Handschrift zu übermitteln, also produktionspragmatische Informationen zu geben, die im gedruckten Buch der Frühen Neuzeit zunehmend in andere paratextuelle Bereiche ausgelagert werden. Sie werden auch dazu genutzt, um verschiedene Formen der Kommentierung, etwa zur Person des Schreibers, zur Schreibtätigkeit oder zum verschriftlichten Text, zu hinterlegen.

Ein häufiges Merkmal insbesondere der frühen Kolophontexte sind geistliche Formeln und Fürbitten, mit denen die Schreiber Gottes Segen und/oder spirituellen Lohn für ihre Tätigkeit erbitten. Hierbei kann auch die fürbittende Hilfe der Buchbenutzer/Rezipienten erbeten werden:

[Bildunterschrift: Bittent got fuor den schriber Amen; Abb. Cpg 403, fol. 255r]]

Von besonderem Interesse sind Kolophontexte, in denen Reflexionen auf den verschriftlichten Text oder auch den Codex als Artefakt erfolgen, etwa in Form einer Ermahnung, die Lehren des Textes ernst zu nehmen, wie im folgenden Kolophon unter der ‚Rechtssumme‘ des Berthold von Freiberg: Item wer das puoch list der sol vergut habenn und die wort mercken damit das der syn der lerer nicht verkeret werdt. Deo gracias [Cgm 226, fol. 276v]]

Gelegentlich finden sich Beispiele, in denen die Schreiber ihrem Unmut über die unzureichende Vorlage Ausdruck verleihen und die eine Abgrenzung von dem Text bzw. der Verantwortung für dessen Gestalt bezeugen. So in dem folgenden Beispiel, in dem sich unter einer Verschriftlichung von Auszügen aus den Vitaspatrum die folgenden deutlich vom Haupttext abgesetzten Schreiberverse finden: Ich hiet es geren pesser geschribn /Da was es als frende teütsch / Das ich sein ye nicht verstuend [Cgm 352, fol. 237r].

Viele Kolophone verzeichnen Reflexionen auf die Schreibtätigkeit in ihren körperlichen wie auch geistigen Dimensionen, wie etwa in der folgenden Handschrift, die Ottos von Passau christliche Erbauungsschrift Die 24 Alten tradiert: zu basel der dis / buch von dem anfang / vntz an dz ende mit /grossem flizze vnd /ernste vnd arbeitt /von stuck ze stucke / vnd von synnen /zu synnen allesament / gemacht vnd volbracht / het […] [Cpg 322, fol. 359v].

Recht häufig finden sich in diesem Zusammenhang Fürbitten für die Hände des Schreibers, die gesegnet und erhalten werden sollen, etwa in diesem eine Gruppe von Gebeten beschließenden Kolophon:

[Bildunterschrift: Das buch hat geschriben / Lienhart Vischer mit / seiner hand got behuit /im sein hend in gottes / namen amen / 1461 Jar /AMEN; Abb. Cpg 639, fol. 107v]

Von besonderem Interesse sind solche Kolophone, in denen sich Selbstaussagen der Schreiber, also Angaben zur eigenen Person finden, wobei diese keinesfalls immer ernsthafter Natur sein müssen, wie folgender Kolophontext zeigt: Ach ich armer gesell | der lon ist aller verton | umb wein ist er gegeben | der tet mir sanfft auf meiner leber | O Maria Jhs Maria hilff [Cgm 409, fol. 305v].

Ein eigenes Kriterium der Beschreibung stellen eine ausgefallene oder besondere poetische Gestaltung von Kolophontexten dar, da diese auf ein elaboriertes Selbstverständnis der schreiberischen Tätigkeit schließen lassen. Dazu gehören z.B. gereimte Kolophontexte, aber auch Akrosticha oder Rätsel wie in dem folgenden Beispiel, das einer Handschrift mit einer Fabelsammlung Ulrichs von Pottenstein entnommen ist:

[Bildunterschrift: Gniwrs hcird wzr rimr shculgr rtar. C. M. Schwing dich zw mir glukhs radt [d.h. jedes Wort ist rückwärts zu lesen und enthält ein zusätzliches r]; Abb. Cgm 584, fol. 140v]

Neben der Erfassung der produktionspragmatischen Daten werden die Kolophontexte darauf untersucht, ob solche oder andere Formen der Selbstartikulation und literarischen Reflexion fassbar sind. Es erfolgt eine systematische Typisierung der Kolophone nach den enthaltenen Formen der Kommentierung. Diese Typisierungsmöglichkeiten werden in der Datenbank über ein Auswahl-Menü erfasst und über entsprechende Suchfunktionen abfragbar sein.